Orthodoxe Gesänge, Badische Zeitung, 06.02.2017

Zürcher Vokalisten treten mit orthodoxen Gesängen in Rheinfelden auf

Die Zürcher Vokalisten unter Christian Dillig beeindruckten in der Rheinfelder Christuskirche mit orthodoxen Gesängen.

Allein die menschliche Stimme sei in der Lage, das Lob Gottes adäquat zum Ausdruck zu bringen, heißt es in der russisch-orthodoxen Kirche. Singen bedeute Beten mit dem ganzen Körper. In diesen religiösen Gebetscharakter der östlichen Kirchenmusik fühlten sich die Zürcher Vokalisten bei ihrem Konzert in der Christuskirche Rheinfelden sehr sensibel ein.

Seit fünf Jahren hat es schöne Tradition, dass der Chor unter Leitung von Christian Dillig jedes Jahr sein neues Programm auch in Rheinfelden vorstellt. Beim jüngsten Auftritt erklangen „Orthodoxe Gesänge“, die auch gesangstechnisch eine besondere Herausforderung für die 40 Sängerinnen und Sänger darstellen. Die Soprane steigen in engelsgleiche Höhen empor, die Bässe führen stellenweise in abgründigste, schwärzeste Tiefen hinab. Tieferes gibt es kaum in der Chorliteratur. Umso bewundernswerter war es, wie fein und klar durchgezeichnet im Stimmenklang, intonatorisch lupenrein und berührend in der Empfindungstiefe die Vokalisten diese geistlichen Gesänge der Ostkirche aufführten.

Dass der Cherubinische Hymnus „Heruvimskaya pyesn’“ von Dmitri Bortnjanski am Anfang dieses moderierten A-cappella-Konzerts stand, hatte einen guten Grund. Denn Bortnjanski gab der orthodoxen Musik im frühen 19. Jahrhundert wesentliche Impulse und hatte prägenden Einfluss auf nachfolgende Komponisten. Dass die alte Tradition der russisch-orthodoxen Vokalmusik auch von Komponisten des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart weitergeführt wird, hörte man in drei Vertonungen des Vater unser „Otche Nash“ von Andrej Makor, Nikolai Kedrov und Ambroz Copi.

Bewegend in seiner Schlichtheit klang Makors „Vater unser“, das sich behutsam und ruhig entfaltete. Ebenso andächtig erklang Dobri Hristovs „Herr, nun lässt du“, das im kontemplativen Gesang wie ein stilles Gebet anmutete. Düsterer wirkte Alexander Archangelskis „Ich denke an den schrecklichen Tag“, das leise und bittend mit „erbarme dich meiner“ ausklingt. In dem Bitt- und Lobgesang „Heiliger Gott“ von Lesia Vasilyevna Dychko entwickelte sich ein ergreifender Wechselgesang zwischen dem Chor und dem Solosopran, der sich in lichter Zartheit und schwebender Klarheit erhob.

Auch Tschaikowsky und Rachmaninow haben sich von den alten orthodoxen Kirchengesängen inspirieren lassen. Wunderbar subtil in den Nuancierungen und zart in der Klanglichkeit sangen die Vokalisten Tschaikowskys Fassung des Cherubinischen Hymnus’, in dem das Mysterium, die Dreifaltigkeit und die Chöre der Engel besungen werden, sowie das freudig klingende „Wie glücklich, die du erwählt hast“. Voller sakraler Innigkeit und in dynamisch differenziertem, filigranem Stimmenklang trug der Chor Rachmaninows Geistliches Konzert vor, eine Fürbitte an „die Jungfrau, die Gott geboren“. Aus Rachmaninows Ganznächtlicher Vigil, die insgesamt 15 Gesänge umfasst, sangen die Vokalisten zwei Sätze „Kommt, lasset uns anbeten“ und „Du mildes Licht“. Sehr schön machte der Chor in diesen Rachmaninow-Gesängen hörbar, wie der Komponist die alten Melodien und Gesangsweisen mit impressionistischen, poesievoll zarten Klangfarben und Klangwirkungen verbindet. Auch in zwei Werken von Pavel Chesnokov, einem bedeutsamen Komponisten für die geistliche Chormusik, entfalteten die Sängerinnen und Sänger eindringlich die Faszinationskraft und seelenvolle Tiefe dieser A-Cappella-Gesänge.

Ein Kleinod im Programm war Arvo Pärts „Ave Maria“, das der Chor sehr einfühlsam und fein differenziert sang. Auch in dem doppelchörigen zeitgenössischen „Vater unser“ gelang es den Vokalisten, durch große Ausdrucksfülle der Stimmen den Kirchenraum mit der Wärme und Intensität der orthodoxen Gesänge zu erfüllen.

Quelle (Text und Foto): http://www.badische-zeitung.de/klassik-2/zuercher-vokalisten-treten-mit-orthodoxen-gesaengen-in-rheinfelden-auf–133235064.html